Geschichte des Spychers

Über die Geschichte des Schwatzspycher-Gebäudes

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Die Familie Bösiger in Niederbipp (BE) war die ursprüngliche Besitzerin dieses Kornspychers. Er wurde im Jahre 1763 neben dem Bauernhof erbaut. Wie der Name sagt, lagerten die emmentaler Bauern im Erdgeschoss Weizen und Hafer in Säcken. Die Gartenwerkzeuge – „Gartenbängeli“ und dergleichen – verstauten sie im mittleren Geschoss. Zuoberst hängten sie jeweils Speck und gesalzenen Schinken zum Lufttrocknen auf. Es kam auch schon mal vor, dass Bauer Bösiger den Raum leer vorfand, als er Speck holen wollte … Auf dem Rundum-Balkon schliesslich wurde die Wäsche zum Trocknen aufgehängt.

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Eine Geschichtstafel informiert die Gäste über die Vergangenheit des Kornspychergebäudes

Im Jahr 1959 brannte das Bauernhaus nieder, doch der Kornspycher konnte gerettet werden. Immer weniger wurde er für seinen ursprünglichen Zweck genutzt. Dafür diente er als idealer Kinderspielplatz. Als die Familie Bösiger – der Spycher befand sich immer noch in Familienbesitz –  in den 1980er Jahren ihre Gemüsegärtnerei ausbauen wollte, musste der Kornspycher den Feldern weichen. So wurde er der Ortsgemeinde Niederbipp als Geschenk angeboten. Diese budgetierte die Restauration, doch das Stimmvolk lehnte den Kredit ab. Da die Familie Bösiger den Bedarf hatte, einen Traktor anzuschaffen, entschloss sie sich, den Spycher zu verkaufen. Die Schreinerei Christen in Oensingen baute nach dem Verkauf den Spycher 1991 komplett ab und setzte ihn in der Schreinerei wieder zusammen. Immer wieder werkelte der Schreiner daran, wenn er Zeit dafür fand. Der ganze Kern war noch völlig intakt, einzig die Balkonbretter und der Balkonboden mussten teilweise ersetzt werden. Als er soweit wieder instand gestellt war, wurde er beim Schreiner eingelagert, bis die Baubewilligung des neuen Besitzers Bruno Fricker vorlag. An seinem neuen Standort in Kappel bei Olten (SO) erhielt der Spycher die heutigen Fenster. Seine neue Zweckbestimmung war nun Werkstatt, Bastelraum und Feststube (für Männerabende).

Doch auch an diesem Standort musste das wunderschöne Spycherli im Jahr 2012 wiederum weichen, diesmal einem Einfamilienhaus. Durch Vermittlung eines Antikwarenhändlers aus Bütschwil SG gelangten die heutigen Eigentümer Cornelia und Ernst Knupp zur Information, dass dieses Objekt zu verkaufen wäre. So reisten sie nach Kappel, um es zu besichtigen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Für die Baubewilligung an dem neuen Ostschweizer Standort konsultierte Cornelia Knupp die kantonale Denkpflege. Mit der Begründung, dass die Bauern in Andwil früher ebenfalls Korn angepflanzt hätten, und es in der Gegend viele Scheunen mit Krüppelwalmdächern gäbe, empfahl diese der Gemeinde, dem „verschupften Baudenkmal in Andwil Asyl zu gewähren“. Gestützt darauf erteilte die Baukommission von Andwil danach im ordentlichen Verfahren die Baubewilligung.

Nach einer liebevollen Restauration durch den hiesigen Holzbauer Eugen Ledergerber und seine Mannen, konnte dieses „Spycherli“ am 18. Mai 2013 – 250-jährig – an der Augartenstrasse 1 in einem passenden Garten einer wiederum neuen und hoffentlich langen Nutzung zugeführt werden.  So gelangte das altehrwürdige Spychergebäude an diesen Standort im Dorf Andwil, wo er – versehen mit einem Anbau, einer Unterkellerung und einer liebevollen Umgebung – unter der sinnigen Bezeichnung „Schwatzspycher“ hoffentlich von vielen Leuten genutzt und geliebt wird.

Im Mai des Jahres 2013, Cornelia und Ernst Knupp

(Die Geschichtstafel wurde von Susanne Breitenmoser, St. Gallen, in einer dem Herkunftsort und der damaligen Zeit entsprechenden Kalligrafieschrift erstellt)